Niklaus Gehrig blickt zurück auf bewegte Jahre in der Pfarrei Erlöser, erzählt von prägenden Begegnungen, kleinen Dramen auf Pfarreireisen und seinen Plänen als Teilzeitpensionär.
Worauf freust du dich als Teilzeitpensionär?
Darauf, dass ich nicht mehr jeden Tag frühmorgens aufstehen muss! Ich merke, dass ich nicht mehr so viel Energie habe wie vor fünf bis zehn Jahren. Ich freue mich auf ruhigere Zeiten. Dann natürlich werde ich reisen und Ausflüge machen und Zeit mit Freunden geniessen.
Was hat sich in all diesen Jahren – der Bogen spannt sich ja über 25 Jahre (bzw. 28½ Jahre) – am meisten verändert?
Die Situation in der Kirche hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Von einem relativ konservativen jungen Mann zu einem offenen Bürger. Meine Einstellung zur Kirche hat sich gewandelt. Ich bin nicht mehr mit allem einverstanden. Die Kirche sollte meiner Meinung nach offener und gemeinschaftlicher werden. Der Klerikalismus gehört abgeschafft. Wir sind eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die gemeinsam auf dem Weg sind. Zusehends gibt es immer weniger Pfarrer. Es sollte Laien einfacher gemacht werden, in der Kirche tätig zu sein. Es sollte Männern und Frauen frei stehen, kirchliche Ämter zu übernehmen, um sich so entfalten zu können.
Welcher Pfarrer hat dich am meisten geprägt? In deinem Brief an die Gemeinde nennst du Pfarrer Franz von Atzigen. Kannst du uns mehr über deine Begegnungen mit ihm erzählen, und was hat dich sonst noch geprägt?
Als ich 1987 in der Kirche Erlöser eine Ausbildung als Katechet begann, hat mich Pfarrer von Atzigen ins kalte Wasser geschmissen und mich als Seelsorgehelfer angestellt. Ich durfte Gottesdienste feiern, und er hat mich vieles gelehrt. Er war ein positiver und konstruktiver Kritiker. Ich habe ihn sehr geschätzt und sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet. Er war es auch, der mich in die Epi geschickt hat. Mit den Pfarrerinnen Ruth Straub und Marianne Schläpfer durfte ich dort gemeinsam wirken. Ich bin mit der Epi bis heute sehr verbunden.
Nach dreieinhalb Jahren in Erlöser musste ich leider wieder zurück ins Kloster. Die hatten da andere Pläne mit mir … Aber zum Glück holte mich die Pfarrei Erlöser wieder zurück! Lucie Incardona und Richi Lauber haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich wieder nach Zürich-Riesbach zu bringen.
In deinen zahlreichen Pfarreireisen hast du sicherlich schon einiges erlebt: Vielleicht hast du Teilnehmende verloren und wiedergefunden, plötzlich Erkrankte wieder gesund gepflegt, Sonderwünsche erfüllt, auf verspätete Teilnehmerinnen gewartet usw. Erzähle mal – aber natürlich ohne Namen zu nennen!
Zum Glück ist nie jemand krank geworden. Ausser ich! Mich musste man mit der Rega von Graz nach Zürich transportieren, da ich eine Thrombose hatte und nur liegen durfte. Auf Sizilien mussten wir Zickzack fahren, weil jemand unbedingt ein Gelato wollte! Natürlich waren die einen oder anderen mit dem Hotel nicht zufrieden oder der Transport war nicht okay, aber zum Schluss waren immer alle glücklich.
Als wir unsere Reise nach Apulien machten, vergass jemand seinen Koffer im Hotel in Genua an der Réception und stellte dann abends in Apulien mit Schrecken fest, dass der Koffer nicht – wie angenommen – mitgereist war. Der Koffer blieb während der ganzen Woche still und brav in Genua. Wir mussten dann auf der Rückreise nochmals in Genua einen Stopp einlegen, wo uns der Koffer per Taxi überbracht wurde. Es war also während einer Woche ein kleines Drama.
Jetzt mal ganz unter uns: Was war der schlimmste, was war der schönste Moment in der Kirchgemeinde Erlöser?
Also wirklich schlimme Momente gab es eigentlich keine. Obwohl – an ein Ereignis kann ich mich noch erinnern. Das war, als einige Untikinder mit dem Feuerlöscher die Altenhofstrasse vollsprühten. Da hatte ich echt einen kleinen Schock, als ich das sah! Die Strasse war schneeweiss! Wir mussten dann die ganze Strasse mit Wasser abspritzen.
Es gab viele schöne Momente: auf den Pfarreireisen, in den Gottesdiensten, in der Pfarrei und auch im Unti.
Was würdest du deinem jungen Ich mit auf den Weg geben? Würdest du in deinem Leben etwas anders machen?
Er soll alles genau so wieder machen. Ich hatte letzthin einige aus meinem Franziskanerorden bei mir zu Besuch. Da haben wir auch darüber gesprochen, und ich musste sagen, dass ich nichts in meinem Leben anders machen würde. Ich habe nur dazugelernt.
Gibt es etwas, das du unbedingt noch machen möchtest? Einen Ort, an dem du noch nicht warst, eine Sprache lernen, Schauspielunterricht nehmen usw.?
Wenn ich könnte, würde ich gerne mal von hier nach Santiago laufen, aber leider schaffen das meine Beine nicht mehr. Ich kann nicht mehr so weit gehen. Aber vielleicht kann ich einen Abschnitt machen. Ich freue mich auf die gemeinsamen Reisen mit meinem Partner.
Was möchtest du der Gemeinde Erlöser mit auf den Weg geben?
Das finde ich schwierig, ich bin nicht gut im Ratschläge-Erteilen. Ich wünsche mir nur, dass die Gemeinde so tolerant und offen bleibt wie bis anhin.
Vielen Dank, lieber Niklaus, für das offene Gespräch. Wir wünschen dir viel Glück bei allem, was du in der Zukunft noch anpacken wirst.
Interview: Ursina Bon